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Passivhäuser sind keine Exoten

Wohnen ohne herkömmliche Heizung – dafür stehen Passivhäuser. Baupionier Wolfgang Feist erklärt im Interview, wie gesparte Energie hohe Anfangsinvestitionen wettmachen soll. 

Vor 17 Jahren baute der Physiker Wolfgang Feist das erste deutsche Passivhaus in Darmstadt-Kranichstein. Mittlerweile genügen bundesweit 10 000 Gebäude dem strengen Energiestandard: Sie verbrauchen höchstens 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr an Heizenergie – herkömmliche Neubauten durchschnittlich 100 Kilowattstunden. An den „Internationalen Tagen des Passivhauses“ vom 7. bis zum 9. November stehen mehrere Hundert über das ganze Bundesgebiet verteilte Passivhäuser offen für Besucher. 

FOCUS Online sprach mit Wolfgang Feist, der seit 2008 Bauingenieure an der Innsbrucker Universität ausbildet, über Passivhäuser als Kompromisslösung zwischen Kosten- und Energieeffizienz und über die allgemeine Skepsis gegenüber Häusern, die hauptsächlich durch Sonnenstrahlung, Körperwärme und Abwärme technischer Geräte beheizt werden.

FOCUS Online: Niedrigenergiehaus, Nullenergiehaus, KfW-60-Haus und Passivhaus – die Fülle an Standards und Bezeichnungen für energiesparendes Bauen ist enorm. Was genau unterscheidet ein Passivhaus von allen anderen?

Wolfgang Feist: Der Passivhaus-Standard war vor all diesen Standards da. Er ist das Ergebnis einer Suche nach einem ökonomisch vertretbaren Maß für möglichst energieeffizientes Bauen. Ausgangspunkt war dabei das Nullenergiehaus, das gar keine Heizenergie verbraucht und damit auch keine Heizanlage braucht. Technisch ist das bereits möglich, aber ökonomisch noch nicht sinnvoll. Das Passivhaus geht gerade so weit, dass ich auf den Einbau einer herkömmlichen Heizanlage verzichten kann.

FOCUS Online: Sie haben im Jahr 1991 im Darmstädter Stadtteil Kranichstein das erste Passivhaus in Deutschland gebaut. Hat das Mehrfamilienhaus den Alltagstest bestanden?

Feist: Alle Familien, die damals eingezogen sind, wohnen auch heute noch darin. Das Enttäuschendste für mich an diesem Projekt war, dass alle Leute schnell sagten, das sei doch alles völlig normal. Die Grenze, ab der ich mir die Investition in eine herkömmliche Heizung sparen kann, liegt in Deutschland bei 15 Kilowattstunden Heizenergiebedarf pro Quadratmeter und Jahr. Das Haus in Kranichstein verbraucht noch weniger: Das schwankt je nach Härte des Winters zwischen acht und zwölf Kilowattstunden. Alle vier Wohneinheiten versorgt ein Gasbrennwertgerät mit 12 Kilowatt Leistung.

FOCUS Online: Sehen Passivhäuser grundsätzlich anders aus als Wohnhäuser herkömmlicher Bauart?

Feist: Es gibt keine spezielle Passivhaus-Architektur. An den bisher realisierten Projekten ist auch zu erkennen, dass vom Einfamilienhaus bis zum mehrgeschossigen Wohngebäude alle Haustypen auch Passivhäuser sein können. Sie lassen sich in unseren Breiten und klimatischen Bedingungen überall bauen – in ganz Deutschland.


FOCUS Online: Das von Ihnen gegründete Passivhaus-Institut veranstaltet dieses Wochenende zum fünften Mal die „Internationalen Tage des Passivhauses“. Worum geht es Ihnen dabei?

Feist: Vor allem darum, möglichst vielen Menschen zu zeigen, dass Passivhäuser keine Exoten sind, sondern ganz normale Wohngebäude, die eben besonders wenig Energie verbrauchen. Zum anderen sollen Passivhäuser vielen Besuchern offenstehen, die sich dann auch gleich erkundigen nach den Temperaturen im Haus und nach den Verbrauchswerten.
 

FOCUS Online: In keinem anderen europäischen Land gibt es so viele Passivhäuser wie in Deutschland. Rund 10 000 sollen es sein, was allerdings immer noch wenig scheint. Warum setzt sich die Passivhaus-Idee nur langsam durch?

Feist: Es bleibt eine Skepsis gegenüber Passivhäusern, wie sie neuen Ideen meist entgegenschlägt. Deswegen veranstalten wir diese Besuchstage. Zudem ist die Bauwirtschaft stark mittelständisch geprägt – nicht alle Unternehmen können bereits Passivhäuser herstellen. Passivhäuser müssen etwa frei von Wärmebrücken und das gesamte Gebäude besonders luftdicht sein. Das nötige Wissen verbreiten wir beispielsweise an der Universität.

FOCUS Online: Steigt mit der großen Luftdichte von Passivhäusern nicht auch die Schimmelgefahr?

Feist: Nein. Der Hauptgrund dafür ist die erhöhte Wärmedämmung der Wände. Dadurch sind sie an der Oberfläche so warm, dass sich kein Kondensat bildet. Auch die Fenster im Passivhaus werden nicht so kalt, dass Wasser kondensiert. Kondensat können Sie eigentlich komplett vergessen.

FOCUS Online: Passivhäuser werden mechanisch be- und entlüftet – bedeutet das, dass es in ihnen ständig zieht?

Feist: Nein. Lediglich, wenn Sie die Hand an ein Belüftungsventil halten, können Sie den Luftstrom spüren. Das ist gerade so viel, wie Sie an Frischluft zum Atmen brauchen.

FOCUS Online: In deutschen Baugesetzen wie der Energieeinsparverordnung wird der Passivhaus-Standard nicht erwähnt. Ist das ein Problem, etwa bei einem Rechtsstreit zwischen Bauherren und Architekten?

Feist: Es gibt zwar keine gesetzliche Norm, aber eine klare Richtlinie zum Passivhaus-Standard von unserem Institut. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Gerichte diese bei Streitfällen auch heranziehen.

FOCUS Online: Die Informationsgemeinschaft Passivhaus beziffert die Mehrkosten beim Bau von Passivhäusern auf fünf bis zehn Prozent. Macht der niedrigere Energiebedarf die Mehrkosten wieder wett?

Feist: Ja, zusammen mit den in Deutschland verfügbaren Förderkrediten für energiesparendes Bauen. Deren Zins liegt rund einen Prozentpunkt unter dem marktüblichen Niveau. Beim Passivhaus-Bau haben Sie einerseits die erhöhten Investitionskosten und bezahlen daher insgesamt mehr Kreditzinsen. Doch ab dem ersten Jahr spüren Sie auch die Heizkostenersparnis. Nimmt man beide Komponenten zusammen, schneidet das Passivhaus günstig ab.
 

FOCUS Online: Wie schneiden Passivhäuser bei den Instandhaltungskosten ab?

Feist: In diesem Bereich gibt es noch wenig Erfahrung. Das Mehrfamilienhaus in Darmstadt ist jetzt 17 Jahre alt. Dort waren die Instandhaltungskosten bis jetzt null. Da das Gasbrennwertgerät alle vier Wohneinheiten versorgt, werden die Wartungskosten niedriger ausfallen, als wenn in jeder Wohnung eine separate Heizanlage arbeiten würde. Für die Wärmedämmung und die isolierten Fenster fallen keine Wartungskosten an.

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